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Infoportal Russlanddeutsche in Hessen

Geschichte der Auswanderung, Gegenwart der Rückkehr

Auftraggeber
Hessisches Ministerium des Innern und für Sport / Interessengemeinschaft der Deutschen aus Russland in Hessen (IDRH) / Hessische Landesbeauftragte für Heimatvertriebene und Spätaussiedler
Projektlaufzeit
2020–2021
Umfang
Digital-multimediale Informationsplattform mit transdisziplinären Forschungsbeiträgen, Video-Interviews, Lebensberichten und partizipativem Redaktionssystem
Plattform
russlanddeutsche-hessen.de

Ausgangslage und Aufgabe

Die Geschichte der Russlanddeutschen ist eine Geschichte der Wanderungen: Im 18. und 19. Jahrhundert folgten Hunderttausende Deutsche der Einladung russischer Herrscher und siedelten sich in den Weiten des Zarenreichs an — an der Wolga, am Schwarzen Meer, im Kaukasus, später in Sibirien und Zentralasien. Sie bauten Dörfer und Städte, bewahrten ihre Sprache und Kultur über Generationen, erlebten Blütezeiten und Verfolgung: die Deportationen unter Stalin, die Zwangsarbeit, die Jahrzehnte der Rechtlosigkeit.

Mit dem Ende der Sowjetunion begann eine neue Wanderung: Seit den 1990er Jahren kehrten Hunderttausende Russlanddeutsche als Spätaussiedler nach Deutschland zurück — in ein Land, das ihnen fremd geworden war, obwohl sie sich als Deutsche verstanden. Ihre Integration war und ist ein komplexer Prozess, geprägt von rechtlichen Hürden, kulturellen Missverständnissen und der Suche nach Anerkennung.

Hessen hat viele dieser Rückkehrer aufgenommen. Doch ihre Geschichte — sowohl die der Auswanderung als auch die der Rückkehr — war bislang nur fragmentarisch dokumentiert und öffentlich kaum sichtbar. Das Hessische Ministerium des Innern und für Sport sowie die Interessengemeinschaft der Deutschen aus Russland in Hessen suchten einen Partner, der diese Geschichte in einer zeitgemäßen digitalen Form zugänglich machen konnte: wissenschaftlich fundiert, multimedial aufbereitet und offen für die Stimmen der Betroffenen selbst.

Die Digitale Lernwelten GmbH erhielt den Auftrag, dieses Infoportal zu konzipieren, zu produzieren und technisch umzusetzen.

Rolle der Digitalen Lernwelten in diesem Projekt

Transdisziplinärer Ansatz

Das Portal folgt einem fachübergreifenden Ansatz und integriert historische, juristische, politik- und sozialwissenschaftliche Perspektiven. Die Auswanderung nach Russland, das Leben in der Sowjetunion, die Deportationen und Repressionen, die rechtlichen Rahmenbedingungen der Spätaussiedlung, die Aufnahmeverfahren und Integrationsbesonderheiten — all diese Aspekte werden in ihrem Zusammenhang dargestellt. So entsteht ein umfassendes Bild, das weder auf Opfernarrative reduziert noch in bürokratischen Kategorien verharrt.

Video-Interviews und Lebensberichte

Im Zentrum des Portals stehen die Stimmen der Russlanddeutschen selbst. Video-Interviews und Lebensberichte machen die abstrakte Geschichte konkret: Menschen erzählen von ihrer Kindheit in Kasachstan oder Sibirien, von der Entscheidung zur Ausreise, von den ersten Jahren in Deutschland, von dem, was geblieben ist und was verloren ging. Diese biografischen Zugänge schaffen Anknüpfungspunkte für Empathie und Verständnis — auch für diejenigen, die keine familiäre Verbindung zu dieser Geschichte haben.

Historische Tiefe mit Hessen-Bezug

Die historische Dimension — die Auswanderung nach Russland, das Leben über Generationen in einer fremden und doch vertrauten Umgebung, die traumatischen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts — wird konsequent mit dem besonderen Bezug zu Hessen verbunden. Wo haben sich Russlanddeutsche in Hessen angesiedelt? Welche Gemeinden, welche Institutionen haben sie geprägt? Wie hat sich ihre Integration vollzogen? Diese regionale Perspektive macht die Geschichte greifbar und relevant für das heutige Hessen.

Partizipatives Redaktionssystem

Ein besonderes Merkmal des Portals ist das integrierte Redaktionssystem, das auf der mPublish-Plattform der Digitalen Lernwelten basiert. Workshopteilnehmerinnen und -teilnehmer können dieses System nutzen, um Arbeitsergebnisse und weitere vertiefende Informationen eigenständig hinzuzufügen. So wird das Portal zu einem lebendigen Archiv, das kontinuierlich wächst und von der Community selbst mitgestaltet wird. Dieser partizipative Ansatz stärkt die Identifikation der Betroffenen mit dem Projekt und sorgt für eine nachhaltige Weiterentwicklung der Inhalte.

Zusammenarbeit mit Fachpartnern

Die inhaltlich-mediale Realisierung basierte auf intensiven Recherchen und der Zusammenarbeit mit einschlägigen Partnern, darunter das Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte in Detmold. Diese Kooperationen stellten sicher, dass das Portal wissenschaftlichen Standards entspricht und zugleich die Perspektiven der Russlanddeutschen selbst angemessen repräsentiert.

Leistungen der Digitale Lernwelten GmbH im Überblick

Die Digitale Lernwelten GmbH erbrachte in diesem Projekt Leistungen in den Bereichen didaktische Gesamtkonzeption einer transdisziplinären Informationsplattform zur Geschichte und Gegenwart der Russlanddeutschen, Produktion und Integration von Video-Interviews und Lebensberichten, Aufbereitung historischer, juristischer und sozialwissenschaftlicher Inhalte mit besonderem Hessen-Bezug, Entwicklung eines partizipativen Redaktionssystems auf mPublish-Basis, Zusammenarbeit mit Fachpartnern wie dem Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte, technische Entwicklung und Implementierung der Plattform sowie laufendes Hosting und Wartung.

Einordnung

Das Infoportal Russlanddeutsche in Hessen schließt eine Lücke in der öffentlichen Wahrnehmung einer Bevölkerungsgruppe, deren Geschichte oft übersehen wird. Die Verbindung aus wissenschaftlicher Fundierung, multimedialer Aufbereitung und partizipativer Struktur macht das Portal zu einem lebendigen Ort der Erinnerung und Selbstverständigung. Für die Digitale Lernwelten GmbH zeigt dieses Projekt, wie digitale Plattformen nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch Räume für Teilhabe und Mitgestaltung schaffen können — ein Modell für zeitgemäße Erinnerungsarbeit.

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